Kommentar von Alexander Franz, Herausgeber
Das ZDF greift erneut auf ein Stück Fernsehgeschichte zurück. Drei Jahre nach der letzten Ausgabe soll „Wetten, dass..?“ im Dezember 2026 auf die Bildschirme zurückkehren – diesmal mit Bill und Tom Kaulitz als Moderationsduo. Diese Entscheidung steht beispielhaft für eine Haltung, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zunehmend prägt: den Versuch, vergangene Erfolge zu konservieren, anstatt neue Formate zu entwickeln, die den Auftrag der Gegenwart erfüllen.
„Wetten, dass..?“ war über Jahrzehnte ein gemeinsames Fernseherlebnis. Frank Elstner und Thomas Gottschalk prägten ein Format, das ganze Generationen verband und für viele das Symbol des Samstagabends wurde. Doch diese Zeit ist vorbei. Jede Neuauflage der Show war weniger Neuanfang als Rückschau – getragen vom Glanz vergangener Jahre, nicht von programmatischer Innovation.
Mit der Berufung von Bill und Tom Kaulitz setzt das ZDF auf ein prominentes Duo, das Aufmerksamkeit garantiert, aber kaum für inhaltliche Erneuerung steht. Die Brüder repräsentieren eine Popästhetik, die mehr auf Selbstinszenierung als auf Gesprächskultur zielt. „Wetten, dass..?“ war einst eine Bühne für Begegnungen und echte Unterhaltung – kein Resonanzraum für Social-Media-Dynamiken. Der Versuch, die Marke durch Popikonen zu verjüngen, wirkt wie ein Ersatz für Ideen.
Das ZDF verweist auf das ungebrochene Publikumsinteresse. Doch diese Argumentation greift zu kurz. Die Generation, die mit der Show aufgewachsen ist, erkennt in den Neuauflagen eher den nostalgischen Reflex als den programmatischen Fortschritt. Jüngere Zuschauer wiederum haben längst andere mediale Räume gefunden, in denen Unterhaltung spontaner, direkter und relevanter ist. So droht die Sendung zwischen Anspruch und Aktualität zerrieben zu werden.
In einer Zeit, in der der öffentlich-rechtliche Rundfunk immer wieder die Verwendung seiner Mittel rechtfertigen muss, hat eine solche Entscheidung auch eine symbolische Dimension. Eine groß angelegte Retroproduktion steht schwer im Einklang mit dem Anspruch, Ressourcen verantwortungsvoll und zukunftsorientiert einzusetzen. Der Rundfunkbeitrag verpflichtet nicht zur Pflege musealer Erinnerungen, sondern zur Gestaltung gesellschaftlich relevanter Inhalte.
Ich erinnere mich an eigene berufliche Erfahrungen bei „Wetten, dass..?“ – 2004 auf der Waldbühne in Berlin als Lichtdouble und 2007 in Friedrichshafen als Lichtassistent. Diese Arbeit vermittelte mir, was Fernsehunterhaltung leisten kann, wenn sie Menschen tatsächlich verbindet. Vielleicht gerade deshalb ist der heutige Umgang mit diesem Format so aufschlussreich: Er zeigt, wie schwer es fällt, Abschied von einer Ära zu nehmen, die ihre Kraft aus gemeinsamer Aufmerksamkeit bezog – einer Ressource, die das Fernsehen längst nicht mehr exklusiv besitzt.
„Wetten, dass..?“ war eine Institution. Doch jede Institution lebt von ihrer Zeit. Das ZDF hat sich entschieden, diese Zeit noch einmal zu beschwören, anstatt eine neue zu eröffnen. Damit wahrt der Sender sein Erbe, aber er verliert die Gelegenheit, aus ihm heraus die Zukunft zu gestalten.










